Ein besonderer Raum für die Erinnerung
Eupen. Hier ist die letzte Station des Projektes, das Skulptur und Ritual zugleich ist. Seit Anfang Juni war die interaktive Kunstinstallation „Mémoires des Eaux“ bereits in Chaudfontaine, Dolhain, Verviers und Angleur zu erleben. Von Mittwoch, 1. Juli, bis Sonntag, 5. Juli, ist sie nun im Alten Schlachthof zu sehen. Die Installation in Form eines Wassertropfens – oder einer Zwiebel, je nach Blickwinkel – schafft einen intimen Raum der Erinnerung.
„Mémoires des Eaux“ ist kein Kunstwerk zum bloßen Betrachten, sondern ein geschützter Ort, an dem Menschen sich auf persönliche Weise an die Flut von 2021 erinnern können: in Stille, im Austausch, mit Musik oder mit einer Träne. Die Besucher sind eingeladen, eine Träne – symbolisch oder tatsächlich – zu hinterlassen. Alle Tränen finden später Platz in einer von Manu Siebens konzipierten Skulptur, die am 15. Juli am Théâtre de Liège eingeweiht wird. Dort bleibt sie ein Jahr, bevor sie ihren endgültigen Standort in Chenée an der Mündung von Weser und Ourthe erhält.
Entwickelt wurde das Projekt von Barbara Raes, künstlerische Leiterin des NT Gent, im Rahmen von „Beyond the Spoken“. Gemeinsam mit dem Théâtre de Liège entstand ein Ritual für Bewohner von fünf Gemeinden, die von der Flut betroffen waren. „50.000 Häuser wurden beschädigt, 11.000 Autos zerstört, 160.000 Tonnen Trümmer hinterlassen. Am schwersten wiegt jedoch, dass 40 Menschen ihr Leben verloren haben“, erinnert der belgische Autor David Van Reybrouck. Bis heute fehle ein gemeinsamer Ort des Erinnerns. „Mémoires des Eaux“ soll diese Lücke schließen.
In Eupen begleitet Marie Dolders die Besucher durch das rund 90-minütige Ritual. Die Schauspielerin, die zum Agora-Ensemble gehört, im Figurentheater Fithe spielt und in „Coma Grey“ zu sehen ist, übernimmt diese Aufgabe an allen Tagen außer Mittwoch, wenn Barbara Raes selbst vor Ort ist. Der Besucher selbst bestimmt, was geschieht.
Das Ritual umfasst drei Phasen: Die Teilnehmer lösen sich aus dem Alltag, setzen sich mit Trauer und Verlust auseinander und kehren schließlich, begleitet von Musik, wieder zurück. In Ostbelgien übernimmt Pianist David Kisser den musikalischen Part. Die entstehende Musik wird archiviert und als Teil der Erinnerung bewahrt.
Das Ritual kann auf Deutsch oder Französisch stattfinden. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung über die Webseite des Alten Schlachthofs ist erforderlich: www.alter-schlachthof.be

